Ein bisschen Freundschaft ist mir mehr wert als die Bewunderung der ganzen Welt. (Otto Fürst von Bismarck)




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 Betreff des Beitrags: Romantik mit Sarg und Nebel
BeitragVerfasst: 22.08.2010, 20:56 
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Saurons Spielzeug
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Registriert: 25.06.2002, 15:15
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Hach, ich liebe romantische Geschichten... sie haut ihn um... legt ihn in einen Sarg mit Fenster... beerdigt ihn... er guckt von drinnen zu... hach...

(hier ein paar musikalische Klänge zur Untermalung)

Ihr kennt das doch sicher auch. Da ist diese verlassene Gegend, weit entfernt vom nächsten Aldi. Ganztägiger Nebel wabert in Kniehöhe über den graspüscheligen Boden. Von irgendwoher ertönt der aggressive Ruf einer Käuzchengattin, weil der Alte sich wieder rumtreibt. In der Ferne erklingt schauerliche Orgelmusik. Hinter einem der Fenster des sich im Verfall befindlichen alten Hauses gleich rechts lauert Vincent Price mit angeklebtem Spitzbärtchen. Er blickt finster aus seinen starren Pupillen in die vernebelte Landschaft. Der Himmel liegt da in sämtlichen Regenbogenfarben, die sich wirr ineinander vermengen. Ein Anblick wie ein gemaltes Bild. Hach. Die Romantik scheint sich mit den Händen greifen zu lassen.

Dann plötzlich erklingt ein zuckersüß liebevolles, sanftes Frauenstimmchen aus dem großen, labyrinthartigen Gewölbekeller, nach ihrem Liebsten krakeelend. Vincent Price geht der Stimme nach, denn er ist der Geliebte. Glaubt er zumindest noch. Draußen meckert das Käuzchen, weil der Alte inzwischen total hacke heimgekehrt ist. Die Musik zieht unheilschwanger ihre Bahnen auf den Spuren des Mr. Price, den wir der Einfachheit halber Nicolas nennen.

"Niiiicolaaaaas! - Niiiiiiiiicolaaaaaaaaaas!"

"Ja bitte?"

Mit Tränen in den Augen und von Liebe übermannt hibbelt Nicolas von einem Raum in den nächsten, und bei jedem Herzschlag tritt seine Halsschlagader zentimeterweit hervor.

"Wo bist du, Geliiiebte?"

Draußen hat sich der Nebel verdichtet. Dies geschieht immer im einvernehmlichen Verhältnis zur sich ins Unerträgliche steigernden Spannung im Haus, die fast nicht mehr zum Aushalten ist. Aber Nicolas muss da durch. Und nachdem er sämtliche Räume durchquert und sich der Wahn immer mehr in seinem Antlitz manifestiert hat, merkt der Depp endlich, dass die Stimme von unten kommt. Also reißt er ein paar Bodendielen heraus und findet den seit Jahrhunderten verschollenen Familienschatz.

Hinter seinem Rücken bewegen sich auf einem Gemälde die Augen der schwarzgewandeten Mätresse eines Urahns, der seinerzeit wegen Unzuchts mit einem jungen Baum, der gerade erst die Baumschule absolviert hatte, auf dem Scheiterhaufen endete. Die dunklen Augen, auf denen der Schein der flackernden Kerzen tänzelt, fixieren Nicolas und den Schatz. Sie beobachten, wie sich der Mann vor den großen Spiegel stellt und ein paar Ohrringe mit großen Rubinen anprobiert.

Die Dame hinter dem Bild rümpft ihr kleines, süßes Näschen und es entfleucht ihr ein leises "Näää", was Nicolas herumfahren lässt. Hat er sich das nur eingebildet? Wie dem auch sei, er sieht zurück in den Spiegel und erkennt, dass ihm Rot nicht steht. Also legt er die Ohrringe zurück zum Schatz und besinnt sich der Suche nach seiner Geliebten, deren "Niiiicolaaaaaaaas" sich soeben wieder hören lässt. Von unten. Lasst uns nicht darüber nachdenken, wie die Frau so schnell von hinter dem Bild wieder in den Keller kam, das ist nebensächlich und wäre abträglich für den gruseligen Effekt.

So eilt der gute Nicolas dann also die schmale steinerne Wendeltreppe hinab ins romantische rabenschwarze Dunkel. Der Kandelaber mit den flackernden Kerzen wirft seinen bebenden Schatten an die Wand aus uralten Steinen. Der Mann eilt von einem Gewölbebogen zum nächsten, sich immer wieder umsehend wie ein von seinem Weibe gehetzter Käuzchengatte. Schließlich gelangt er an eine mit kunstvollen Schnitzereien verzierte Holztüre, durch deren Spalt am Boden sich ein unheimlich bläuliches Licht nach draußen quält.

"Niiiicolaaaaaas!"

Er wirft sich platt an die Tür und drückt die Wange sehnsüchtig lauschend an das mit einem Herzchen dekorierte Totenkopfrelief.

"Gelieeebte! Gleich bin ich beiii diiir!"

Nicolas sucht nach dem Türgriff, doch es ist keiner da. Rasch tastet er den Türrahmen ab, doch nichts, die Türe bleibt verschlossen. Sein Blick fällt zu Boden und er erblickt große Steinquader mit seltsamen Zahlen- und Buchstabenkombinationen. In diesem Augenblick erscheint eine grün schimmernde Gestalt.

"Ich bin der Geeeist der Klabaaautermänner. Spiiiele gegen mich und gewinnne. So wird sich die Türe auuuftuuun."

So lässt sich Nicolas das Spiel erklären und tritt also gegen die Erscheinung beim "Schiffe versenken" an. Um der Dramaturgie zu entsprechen, gewinnt er selbstverständlich in letzter Sekunde und die grüne Erscheinung zerreißt sich selbst in der Luft.

"Das hat dir der Teufel gezeigt! Das hat dir der Teufel gezeigt!"

Einen Augenblick später öffnet sich knarrend die Tür und dahinter kommt eine wohlig warme Kemenate zum Vorschein. Die Einrichtung entspricht dem aktuellen IKEA-Katalog und im Kamin "Wollebrand" lodert ein anheimelndes Feuer, welches halb verdeckt wird von der Silhouette einer wohlgeformten, aber starr dastehenden Gestalt.

"Geliiiebte!"

Er eilt zu ihr und zieht sie in seine starken Arme.

An Romantik kaum noch zu überbieten.

Als sich die Dame an ihn schmiegt und den guten Nicolas so in sicherster Sicherheit wiegt, hebt sie ihren Arm und zieht ihm mit einem Briefbeschwerer liebevoll eins über die Rübe.

Wir verlassen diese Szenerie und machen eine Außenschalte, wo wir uns nun einige Zeit später befinden, um die finalen Augenblicke zu genießen. So erspart man sich im Film übrigens auch diverse Erklärungen, wie ein schwaches Weib ganz allein einen doppelt so schweren Mann allein in einen Sarg hieven und eine lange, enge Wendeltreppe emportragen kann.

Liebevoll schluchzend steht die Dame über den Sarg gebeugt und betrachtet Nicolas' Gesicht durch die kleine, in den Sargdeckel eingelassene Fensterscheibe. In ihrem Handtäschchen trägt sie sein Testament bei sich, in dem er ihr das Anwesen mitsamt dem Nebel, den zankenden Käuzchen und dem alten, ehemals verschollenen Schatz seiner Familie vermacht hat.

"Ja, ich weiß, mein Liebster, ich weiß..."

Lächelnd blickt sie dem Sarg hinterher, als er hinabgelassen wird in das extratief ausgehobene Grab. Und sein romantisch ängstlicher, panischer Blick mit einer Note des Wahnsinns versehen sieht zu ihr auf, und die beiden Totengräber achten nicht auf das kleine Aussichtsfensterchen im Sargdeckel. Nachdem sie den Sarg hinabgelassen haben, vollenden sie ihr Werk und schütten das Grab des Nicolas inmitten des kniehohen Dauernebels mit gesenkten Häuptern zu.

Und die Dame, geschmückt mit einem Paar großer Rubin-Ohrringe, schneuzt kurz in dir schwarzes geklöppeltes Taschentüchlein und macht sich sodann auf den Weg zurück zu dem großen alten Haus.

Und hinter einem der Fenster lauert Vincent Price als Rachegeist des Nicolas...

Hach, ist das nicht romantisch? Sowas könnte ich tagelang lesen.

_________________
Minnesänger sangen um der Liebe willen. Hellebarden sangen am Eingang zur Hölle

Heiliger Kuhmist, sind wir Nerds! (Raj Koothrappali)


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