Ich, der Held

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Ich, der Held

Beitrag von Boromirs Bride » 20.06.2009, 10:18

Ich hab mal nach langer Zeit wieder im Ideenkasten meines Hirn gewühlt, und das hier kam dabei raus. Ich hoffe, es gefällt euch ein wenig.




Ich, der Held


Die Leute sagen, ich sei ein Held. So manche sehen zu mir auf und erzählen sich die tollsten Geschichten über mich. Sie meinen, ich höre sie nicht, wenn sie ihren Kindern erzählen, welche Taten mir zugeschrieben werden. Ich glaube kaum, dass ein einziges Leben für all das ausreicht, was ich getan haben soll. Aber sie sehen zu mir auf. Viele zumindest. Manchmal ist es mir unangenehm, von ihren Blicken umzingelt zu sein, doch was bleibt mir übrig? Ich bin ein Teil von ihnen, gehöre zu ihnen, und sie kümmern sich um mich.

Andere wiederum, fahrende Händler oder Ritter auf der Durchreise, nehmen keinerlei Notiz von mir. Wahrscheinlich bin ich in ihren Augen zu unscheinbar. Und sie mögen die Geschichten nicht kennen, die sich um mich ranken. Doch es stört mich nicht, wenn sie achtlos an mir vorüberziehen, mich keines Blickes würdigen.

Ich kann mich nicht beklagen, denn die, die an mich denken, legen mir an manchen Sonntagen ein paar Blumen auf die Schwelle. Nun bin ich zwar kein Weib, aber die Geste allein rührt dennoch, zeigt es mir immerhin, das ich ihnen nicht gleichgültig bin. Es ist ein schönes Gefühl.

Viel hab ich gesehen in diesem Ort. Freud und Leid gleichermaßen. Viele Tote habe ich gesehen, die in Leinensäcke gehüllt an mir vorbeigetragen wurden. Und jedesmal verfolgte ich die mal kleineren, mal größeren Trauerzüge mit meinem gesenkten Blick, wenn sie mit den leblosen Hüllen aus dem Tor hinaus zum Friedhof an der kleinen Kapelle zogen. Zur Zeit der großen Epidemien war es besonders schlimm. Da hielten sich die Leute nicht auf mit aufwändigen Zeremonien, sondern tote Körper wurden auf Holzkarren aus der Stadt hinausgebracht und auf freiem Felde dem Feuer übergeben. Man roch den Tod in dieser Zeit Tag und Nacht, und dieser Geruch hatte sich auf die Stadt gelegt wie ein Leichentuch.

Und als die Zeit des Siechens endlich vorüber war, ich weiß nicht mehr, nach welcher langen Zeit des Leids, hörte man an manchen Stellen das Leben erwachen. Es wurde immer öfter wieder Markt abgehalten, nach und nach kamen die Händler wieder in die Stadt und ein neues Kapitel wurde aufgeschlagen.

Auch erinnerten sich die Leute meiner wieder. Es war, als sei ich in der schlimmen Zeit gar nicht da gewesen, denn man beachtete mich nicht mehr. Die Trauer und die Angst hielt die Leute gefangen und diejenigen, die nicht die Möglichkeit hatten, rasch zu verschwinden, mussten ihr Leben eben weiter hier verbringen, am Herd der schlimmen Krankheiten. Doch auch von denen, die der Stadt entflohen, kamen manche wieder zurück. Und wenn ihre Blicke den meinen trafen, bildete ich mir ein, ihre Freude erkennen zu können, weil es mich noch gab.

Ich habe viele Sommer und Winter gehen sehen, und ich habe viele schlimme Zeiten mit den Leuten geteilt, aber die guten überwiegten. Es sind brave Leute, obowhl sich auch Gesindel unter ihnen befindet. Aber so etwas muss es wohl einfach geben. Ich erinnere mich an eine Begebenheit, als eines Tages, es war ein Marktag, ein schmutziger Mann auf mich zugerannt kam. Er umrundete mich und verschwand hinter mir. Während er das tat, wurde ich der Handvoll rufender Leute gewahr, die vereinzelt aus der Menge stoben. Es lag auf der Hand, dass die Meute den Wolf hetzte. Die Männer sahen mich an und blickten an mir vorbei. Sie sprachen mich nicht an, sondern hielten inne und drehten sich um ihre eigenen Achsen. Dann tauchten sie seufzend und fluchend wieder in der Menge unter, jeder in eine andere Richtung. Dann merkte ich, dass mir jemand an die Wade klopfte. "Danke, mein Alter, hast mir einen netten Dienst erwiesen." Und im nächsten Augenblick sah ich, wie er so tief geduckt, dass es schon wie Krabbeln schien, unter einem nahen Marktstand verschwand. Ich sah ihn später nie wieder. Vielleicht hatten sie ihn erwischt, vielleicht hatte er sich aufgemacht, seine Abenteuer woanders zu erleben.

Sei es drum.

Einen weiteren Tag nun bin ich mitten unter ihnen, den Menschen dieser Stadt. Und doch werde ich nie zu Gast sein an ihren heimischen Herden, außer in ihren Herzen. Ich werde nie zu ihnen sprechen, außer mit meinem Blick, der immer auf sie gerichtet war und sein wird. Ich weiß nicht mehr, welche der vielen guten Taten, die man mir zuschreibt, die wahre ist, doch ich weiß, dass auch die mir zum Ruhm erdachten Geschichten einst vergessen sein werden. Ebenso wie ich. Ich bin nicht der Held, von dem sie sprechen. Doch sein Geist lebt in mir fort und so werde ich weiterhin über sie wachen, indem ich ihnen Mut zuflüstere, unhörbar für jedes Ohr, doch hörbar in ihren Herzen. Ich bin das Abbild des Mannes, der den Vorfahren dieser Menschen einst hilfreich zur Seite stand. Ich wurde erschaffen aus Stein und werde noch viele Menschen kommen und gehen sehen. Und so werde ich weiterhin mitten unter ihnen sein auf meinem steinernen Sockel, in der Mitte des Markplatzes, meinen schützenden Blick erhaben auf die Menschen gerichtet.


~ ENDE ~
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Re: Ich, der Held

Beitrag von Alienne » 20.06.2009, 13:05

Gefällt mir. :)
Es hat fast die halbe Geschichte gebraucht bis ich darauf kam, dass es sich wohl um eine Statue handeln muss, die hier erzählt.
Ich mag Geschichten dieser Art sehr. Die Vorstellung, was wohl bestimmte Dinge zu erzählen hätten, wenn sie könnten, habe ich so manchmal. Vor allem, wenn ich in Ruhe in einem Straßencafé sitze und mich umschaue.
Wer bzw was hat DICH denn inspiriert? Welche Statue gibt es auf dem Marktplatz in BS? Oder ist es gar nicht dort? Ist die Figur gar fiktiv?
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Re: Ich, der Held

Beitrag von Boromirs Bride » 20.06.2009, 13:19

Danke für dein Review, Alienne! :)

Komplett fiktiv. Hab in meinem Kopf rumgewühlt, was ich mal schreiben könnte, und dann hatte ich diese Idee. *g*

Es ist irgendeine Stadt ganz damals *g* und es handelt sich um irgendeinen fiktiven Mann, dessen Abbild man in Stein gehauen hat. ;)

Ja, ich mag solche Geschichten auch, nur ist es aus Sicht des Schreibers ja immer recht schwer, immer die richtigen Worte zu finden, um nicht zu früh zu viel zu verraten, nicht? Naja, nun ist diese Geschichte auch sehr kurz, von daher muss die Konzentration nicht allzu lange halten. *gg*
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Re: Ich, der Held

Beitrag von dark bat » 21.06.2009, 16:01

Interessant.

Ich muß gestehen, an eine Statue dachte ich gar nicht...aber, ja, klar, in Nachhinein...ich lese es nochmal.

Gefällt mir. Clever gemacht!
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Re: Ich, der Held

Beitrag von Marlowe » 21.06.2009, 22:55

Ich trau es mich ja kaum zu sagen, mir ist dabei echt die Luther Statue in Wittenberg eingefallen. Frag mich bloß nicht wieso! Ein klassischer Held war er ja nicht so...vielelicht dann doch lieber der Heilige Georg?

Ich ahnte was nach einem Viertel, wo stand, dass ihn wenige beachten und nach der Hälfte stärkte sich der Verdacht nd ha, ich hatte Recht!

Interessante Geschichte, Bride. Gefiel mir echt gut, ich habe mich manchmal auch bei den Figuren im Dresdner Zwinger gefragt, was sie wohl schon so alles gesehen haben.
Bild

[He dreams about kissing someone so hard his mouth hurts. He dreams about kissing someone so soft his heart hurts, so long his neck hurts, so deep his throat hurts. He dreams about kissing someone so... completly that nothing hurts.

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